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Das Problem der Kooperation mit Fremden

In kleinen Gemeinschaften wird das Einhalten von Versprechen automatisch kontrolliert

In einer kleinen Gemeinschaft – wie einem Dorf, mit ein paar hundert Leuten – ist nichts weiter erforderlich, um zu garantieren, dass Versprechen eingehalten werden. Jeder kennt jeden. Und daher weiß auch jeder, ob man den Versprechen der anderen Leute vertrauen kann. Wenn jemand sein Versprechen bricht, werden alle anderen dies schnell erfahren, und niemand wird ihm mehr vertrauen. Dies macht es faktisch unmöglich, Versprechen zu brechen. Genauer, der Bruch von Versprechen beschränkt sich auf kleine Kinder, die dies erst noch lernen müssen, und einige weniger Außenseiter, denen keiner vertraut, und die damit leben müssen.

Die beste und sicherste Strafe für Wortbruch in einer kleinen Gemeinschaft ist es, allen anderen davon zu erzählen: Wer davon erfährt, wird nicht sein nächstes Opfer werden. Und, da die Gemeinschaft so klein ist, dass alle es erfahren, ist eine Wiederholung des Wortbruchs faktisch unmöglich.

In kleinen Gemeinschaften können verschiedene Menschen verschiedene Regeln akzeptieren

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen einer kleinen und einer großen Gemeinschaft: Verschiedene Leute haben verschiedene Gewohnheiten, verschiedene Interessen, und verschiedene überzeugungen darüber was gerecht ist. Einige solcher Unterschiede sind sichtbar (Alter, Geschlecht, Kleidungscodes, Verhalten), andere nicht (überzeugungen über Recht, Regeln, Gewohnheiten). In einer kleinen Gesellschaft kann man auch die nicht sichtbaren Unterschiede zwischen den Menschen kennenlernen, und sich entsprechend verhalten.

Das Problem in großen Gemeinschaften

Aber wenn die Gemeinschaft größer wird, werden diese Möglichkeiten der Konfliktlösung problematisch und unbefriedigend. Wenn die Stadt groß genug ist, wird man oft genug Leute treffen, die man nicht kennt - Fremde. Man möchte vielleicht trotzdem mit ihnen zusammenarbeiten - irgendetwas tauschen, ihnen einen Job geben, zusammen spielen. Aber wir wissen nichts über sie, und dies ist problematisch für eine Kooperation mit ihnen.

Einmal wissen wir nichts über die Regeln und Gewohnheiten der Fremden. Ihre Regeln können sich von unseren unterscheiden, und dies kann zu einer Menge von Problemen, Missverständnissen und Konflikten führen. Schon gemeinsame Spiele können problematisch werden wenn die Spieler verschiedene Regeln voraussetzen. Aber was erst wenn es sich nicht nur um ein harmloses Spiel handelt? Dann können Konflikte schnell ausarten. Wir haben also ein Problem der unbekannten Regeln von Fremden:

Die Regeln und Gewohnheiten von Fremden sind uns unbekannt

Genausowenig wissen wir, ob ein Fremder sein Wort hält. Wir können jedem in einer kleinen Gemeinschaft sagen, dass jemand seine Versprechen nicht gehalten hat. Aber dies ist, mit wenigen Ausnahmen, in einer größeren Stadt nicht mehr möglich.

Das sich daraus ergebende Problem ist noch ernstafter als das erste, weil es zu einem veränderten Verhalten des Fremden führen kann: In einer kleinen Gemeinschaft kann man es sich einfach nicht leisten, seine Versprechen zu brechen. In einer großen Stadt sieht das anders aus. Sicherlich kann man eine Person nur einmal betrügen, aber es wird immer genug andere Leute geben, die ihn noch nicht kennen, potentielle Opfer für zukünftige Betrügereien. Die natürliche Strafe für Wortbruch - alle anderen zu warnen - die Wortbruch in einer kleinen Gemeinschaft faktisch unmöglich macht, ist in einer großen Stadt nicht mehr ausreichend, Wiederholungen zu verhindern.

Wir haben somit ein Problem des Wortbruchs durch Fremde, welches aus zwei Teilen besteht. Es geht nicht nur um den ersten Teil:

Wir wissen nicht, ob ein Fremder sein Wort hält

Schlimmer noch, als eine Folge dieses ersten Problems, hat der Fremde weitaus weniger Anreiz, sein Wort zu halten, woraus sich das zweite Problem ergibt:

Der Fremde wird mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit sein Wort brechen

Wird dieses Problem nicht gelöst, wird eine Zusammenarbeit mit Fremden fast unmöglich. Denn Zusammenarbeit setzt normalerweise voraus, dass man sich auf Versprechen des Anderen verlassen kann. Wenn wir dies bei Fremden nicht können, ist die Zusammenarbeit mit ihm sehr stark eingeschränkt.

Normalerweise wird dieses Problem dadurch gelöst, dass allgemeine Regeln akzeptiert werden, und diese allgemeinen Regel dann mit Gewalt durch eine Polizei durchgesetzt werden:

Allgemeine Gesetze und Polizei als eine Lösung des Problems des Fremden

Allgemeine Gesetze, und eine Polizei, die diese Gesetze auch durchsetzt, entstanden historisch faktisch überall wenn Städte mit einer Bevölkerung von etwa zehntausend Einwohnern entstanden.

Die allgemeinen Gesetze lösen offensichtlich das erste Problem – dass wir die Regeln des Fremden nicht kennen. In einer Gesellschaft mit allgemeinen Gesetzen reicht es, das allgemeine Gesetz zu kennen, und dies ersetzt die Kenntnis der konkreten Regeln, an die sich der Fremde hält. Wir nehmen ersatzweise an, er würde sich wenigstens an die allgemeinen Regeln halten.

Wenn es (wie üblich) Teil der Regeln ist, dass Versprechen einzuhalten sind, löst dies auch das Problem, ob man einem Fremden glauben kann: Wenn er sich nach den allgemeinen Gesetzen richtet, muss er seine Versprechen auch einhalten.

Allerdings braucht die Hypothese, dass der Fremde dem allgemeinen Gesetz folgt, noch weitere Unterstützung – die Durchsetzung des Gesetzes, durch Polizei und Gerichte. Wir können ja nach wie vor nicht einfach dem Fremden selbst glauben. Aber wir können, ersatzweise, an die Fähigkeit der Polizei und der Gerichte glauben, das allgemeine Gesetz auch durchzusetzen.

Aber, und dies ist ein wichtiger Punkt, das allgemeine Gesetz erlaubt uns zwar, Fremden zu vertrauen, und dies weitaus mehr, als es ohne Polizei und Gesetze möglich wäre. Trotzdem ist dies nur ein Ersatz:

Die Nichtoptimalität dieser Lösung

Dieser Ersatz ist keineswegs eine ideale Lösung – wir würden es vorziehen, Informationen über die Vergangenheit des Fremden zu haben, und wir würden es auch vorziehen, wenn es für ihn unmöglich wäre, seine Versprechen zu brechen, statt lediglich das allgemeine Gesetz. In der Tat, wenn wir solche zusätzlichen Informationen haben, nutzen wir sie auch: Wir kooperieren nicht mit bekannten Betrügern. Wir hören uns mit Interesse persönliche Empfehlungen anderer Leute an und folgen ihnen oft. Ein Grund, dass viele es vorziehen, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ähnliche Regeln und Gewohnheiten haben – Leute aus derselben Klasse, Rasse, Nation, Kultur, Beruf – ist, dass sie deren Gewohnheiten weitaus besser kennen.

Trotzdem, auch wenn die allgemeinen Gesetze nur ein Surrogat sind, sie haben für jederman eine Funktion: Wenn die Gesetze einigermaßen gerecht sind, und die Polizei einigermaßen funktioniert, können wir mit Fremden in allen Fragen kooperieren, in denen es nach dem allgemeinen Gesetz legal ist. Und da die allermeisten Sachen, die wir mit Fremden machen müssen – das meiste von dem, was wir hergestellt haben und verkaufen wollen, was wir in den meisten Jobs zu tun haben, und das meiste was wir kaufen wollen – legal sind, sind auch die, die einige dieser allgemeinen Gesetze nicht mögen, besser dran als ohne solche Gesetze.

Das Netzwerk bietet eine bessere Lösung

Was in der Vergangenheit nicht möglich war – eine optimale Lösung des Problems der Kooperation mit Fremden, die so gut ist wie die Lösung in einer kleinen Gemeinschaft – ist allerdings heute möglich, durch die Informationsrevolution. Es ist heute möglich, die Information über gebrochene Versprechen jederman zugänglich zu machen. Und es ist auch möglich, für alle Menschen der Erde verschiedene Regeln abzuspeichern und diese effizient zu vergleichen. Das ist die Hauptaufgabe des Netzwerkes.

Das Problem der Kooperation mit Fremden als Erklärung des Fehlschlags früherer anarchistischer Experimente

Es gibt gute Gründe, Staaten nicht zu lieben, beginnend mit dem einfachen Fakt, dass jeder Monopolanspruch für eine Person oder Gruppe von Personen eine Verletzung der wohl grundlegendsten moralischen Regel – der Goldenen Regel – ist. Daher ist der Staat immer amoralisch. Und auch wenn anarchistische Ideen nicht populär sind, so ist doch das wichtigste Argument dagegen dass eine funktionierende anarchistische Gesellschaft nicht realisierbar sei. Wenn man das Problem der Kooperation mit dem Fremden in einer anarchistischen Gesellschaft betrachtet, welches nicht lösbar schien ohne allgemeine Gesetze, und damit ohne einen Staat, so war der Anarchismus in der Tat in der Vergangenheit nicht realisierbar.

Es ist aber offensichtlich, dass das Problem der Kooperation mit Fremden mit einem Reputations-Netzwerk lösbar ist. Damit ist ein wichtigstes Problem einer staatenlosen Gesellschaft mit moderner Informationstechnologie lösbar.

Dies gibt dem Anarchismus neue Hoffnung – wenn ein Hauptproblem einer staatenlosen Gesellschaft heute gelöst werden kann, ohne dass man dazu einen Staat braucht, könnte es sein, dass ein Staat heute nicht mehr länger notwendig ist.

Natürlich, es könnte auch andere Probleme staatenloser Gesellschaften geben (oder, bestimmter, es gibt sie auch). Sind sie auch lösbar? Das ist eine offene Frage. Aber eins ist klar: Das Argument, dass bisher alle größeren anarchistischen Experimente in modernen Gesellschaften gescheitert seien, ist nicht mehr länger ein ernstzunehmendes Argument: Dieses Scheitern hat eine Erklärung, und eine ausreichend plausible, im Problem der Kooperation mit Fremden. Dieses Problem war ohne Staat nicht lösbar bevor moderne Informationstechnologie zur Verfügung stand.

Auch wenn wir nicht sicher sein können, dass das Problem der Kooperation mit Fremden das einzige bisher unlösbare Problem einer staatenlosen Gesellschaft ist, so ist dies zumindest eine Möglichkeit. In diesem Fall würde die moderne Informationstechnologie eine staatenlose Gesellschaft möglich machen. Das alte Problem, ob der Staat ein notwendiges übel ist oder nicht, ist wieder offen: Zumindest für ein Problem – das der Kooperation mit Fremden – ist der Staat nicht mehr notwendig.

Das Problem der Kooperation mit Fremden und Minimalstaatstheorien

Selbst wenn man den Anarchismus als utopisch ablehnt, mit oder ohne Netzwerk, mit oder ohne Lösung des Problems der Kooperation mit Fremden, die Möglichkeit der Lösung dieses Problems ist trotzdem wichtig für jeden, der den Staat als notwendiges übel betrachtet, als etwas, was minimiert werden sollte.

In der Tat, wenn das Problem der Kooperation mit Fremden heute durch das Netzwerk gelöst werden kann, dann ist die Notwendigkeit des Staates heute geringer. Einige Funktionen des Staates – und einige sehr wichtige Funktionen des Staates – können nun ohne einen Staat gelöst werden. Und damit kann ein Minimalstaat weitaus kleiner sein als vorher.