über den Author

Der Satz von Sinowjew über die Inkompatibilität von Zensur und Recht

Es geht vor allem gar nicht darum, ob das Recht gut oder schlecht ist. Es geht darum, ob es überhaupt irgendein Recht gibt oder nicht. Gute Rechtlosigkeit ist immer noch Rechtlosigkeit. Ich werde als mathematisches Theorem beweisen, dass in jeder auf Recht basierenden Gesellschaft, egal wie schlecht sein Recht ist, Opposition möglich ist. Das Vorhandensein von Opposition ist überhaupt ein Kennzeichen einer auf Recht basierenden Gesellschaft. Und das Fehlen einer Opposition Indiz dafür, dass die Gesellschaft rechtlos ist.

Aber näher zur Sache: Nehmen wir irgendeinen Text A. Nehmen wir an, es gibt ein System von Rechtsnormen B, nach dem der Text als für die gegebene Gesellschaft feindlich (als "Anti"-Text) eingeschätzt wird. Und ein Mensch, der A behauptet, wird zur Rechenschaft gezogen. Aber wenn ich nun, sagen wir mal, folgenden Text äußere: "N behauptet, dass A". Ich sage nicht A, ich sage, dass N sagt, dass A. Die Frage ist, was, vom Standpunkt von B aus gesehen, der Text "N behauptet, dass A" nun ist. Ein "Anti"-Text? Hervorragend, nur wie wird dann der Staatsanwalt aussehen, der vor Gericht gegen mich vorbringt, ich hätte einen "Anti"-Text geäußert? Oder doch nicht? Nur, warum nicht? Wo ist das formale Unterscheidungskriterium? Gut, nehmen wir an, dass ich einmal das Wort "behauptet" verwendet habe, er jedoch zweimal. Aber wenn ein solches Gesetz angenommen wird, sag ich gleich von Anfang an den Text "M behauptet, dass N behauptet, dass A".

Ich habe hier nur eine logische Möglichkeit angegeben. Aber davon gibt es sehr viele. Konstruiert mir einen Kodex B von Rechtsnormen, der es gestattet, Texte als "Anti" zu klassifizieren, und ich nehme es auf mich, für jeden beliebigen Text, der als "Anti" beurteilt wird, einen Text zu konstruieren, der nach dem Kodex B nicht als solcher beurteilt werden kann, der aber trotzdem als oppositionell verstanden werden wird. Jedes strenge Recht ist a priori die Möglichkeit von Opposition.

Meine Übersetzung vom Original, Александр Зиновьев, Зияющие высоты, собр. соч. т.1, Москва, Центрполиграф 2000, стр. 283