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Beobachterabhängiger Realismus

Ein abgeschwächter Realismusbegriff und seine Sinnlosigkeit

Kann es sein, dass der so definierte klassische Realismusbegriff zu streng ist und abgeschwächt werden muss? Um dies herauszufinden, untersuchen wir hier eine der möglichen Abschwächungen unseres Realismusbegriffs und zeigen, dass diese Abschwächung nichts bringt — eine "Erklärung" der Beobachtung im Rahmen dieser Abschwächung wäre trivial und hätte keinerlei Erklärungswert.

Definition des beobachterabhängigen Realitätsbegriffs

Wir betrachten hier eine Möglichkeit der Abschwächung unseres Realismusbegriffs. Anstelle der Bedingung

∫ f(y) ρ(y,a) dy = ∫ f(y(x,a)) ρ(x) dx

für eine realistische Erklärung erlauben wir, dass die Wahrscheinlichkeitsverteilung ρ(x)dx auf dem Raum der möglichen Zustände des Beobachtungsobjekts (der Realität) X auch von den Entscheidungen des Experimentators a ∈A abhängen kann, d.h. statt ρ(x) dx haben wir ρ(x,a) dx als Wahrscheinlichkeitsverteilung der möglichen Zustände des Beobachtungsobjekts.

Philosophisch ist diese Verallgemeinerung auf natürliche Art zu klassifizieren: Der Zustand des Messobjekts (der Realität) x ∈X hängt nun auch von den willkürlichen Entscheidungen des Beobachters, was er eigentlich beobachten will, ab. Wir haben es hier also mit einer Formalisierung eines beobachterabhängigen Realitätsbegriffs zu tun. Die Bezeichnung "Solipsismus" scheint ebenfalls angemessen.

Unwiderlegbarkeit des beobachterabhängigen Realitätsbegriffs

Wir können nun zeigen, dass dieser "beobachterabhängige Realitätsbegriff" nicht widerlegbar ist. Was auch immer wir beobachten, also, was auch immer wir aus dem Experiment für eine Verteilung ρ(y,a) dy der Messwerte erhalten, können wir auf einfache, tautologische Weise in Form des beobachterabhängigen Realismus beschreiben.

In dieser Beschreibung stellen die möglichen Messwerte selbst die Beschreibung der Realität dar, also X = Y, die Verteilung ist einfach durch ρ(x,a) = ρ(y,a) gegeben, und die Funktion y(x,a) ist einfach nur y=x. Damit wird die obige Formel zur Tautologie:

∫ f(y) ρ(y,a) dy = ∫ f(y) ρ(y,a) dx.

Sinnlosigkeit des beobachterabhängigen Realismusbegriffs

Ein physikalisches Prinzip, welches an sich durch das Experiment unwiderlegbar ist, scheint bereits dadurch disqualifiziert zu sein. Denn nach Poppers Kriterium hat es keinen empirischen Gehalt. Damit gehört ein solches Prinzip scheinbar nicht in die Wissenschaft.

Methodologische Prinzipien

Doch dies wäre zu kurz geschlossen. So ist beispielsweise das Prinzip der Kovarianz der ART von Kretschmann (siehe MTW) zurecht dafür kritisiert worden, dass jede physikalische Theorie (einschließlich der SRT und der Newtonschen Theorie) in kovarianter Form dargestellt werden können. Trotzdem ist dieses Prinzip Teil der Physik, und dies ist durchaus legitim.

Betrachten wir, wie das Prinzip der Kovarianz sich auswirkt. Wir können jede klassische Theorie, einschließlich der Newtonschen Theorie, in kovariante Form bringen. (Wie dies getan werden kann, siehe MTW.) Allerdings unterscheidet sich diese kovariante Form deutlich von der Originalform der Theorie. Und dies kann die Beurteilung der Theorien nach anderen Kriterien wie Einfachheit oder Schönheit erheblich beeinflussen. Die NT sieht, vom Standpunkt der klassischen Formeln aus gesehen, einfacher aus als die ART. Die kovariante Version der NT ist hingegen komplizierter. Die kovariante Version der ART ist hingegen die Standardform der ART. Vergleicht man die Einfachheit ohne Forderung nach Kovarianz, erhält man also ein anderes Ergebnis, als wenn man die Einfachheit in der kovarianten Darstellung fordert.

Das Prinzip, die einfachste Theorie vorzuziehen, ist Teil der wissenschaftlichen Methode. Nur, wie dieses Beispiel zeigt, kann der Begriff der Einfachheit abhängig sein von anderen Forderungen, wie der nach Kovarianz. Die Einführung der Forderung nach Kovarianz ändert zwar nichts an den möglichen Voraussagen der Theorien, aber etwas an den Auswahlkriterien. Und damit etwas an der wissenschaftlichen Methode. Kovarianz ist in diesem Sinne ein methodologisches Prinzip.

Trivialität des beobachterabhängigen Realismus als methodologisches Prinzip

Wir sehen also, dass ein unwiderlegbares Prinzip immer noch als methodologisches Prinzip verwendet werden kann, und, als solches, Einfluss hat auf die Auswahlkriterien für physikalische Theorien, insbesondere auf das Kriterium der Einfachheit.

Taugt nun der beobachterabhängige Realismus wenigstens noch als ein solches methodologisches Prinzip? Die Antwort ist negativ. Der Grund ist, dass unsere Konstruktion trivial einfach ist. Was im Fall der kovarianten Darstellung der Newtonschen Theorie passiert, nämlich dass sie plötzlich, im Vergleich, ziemlich kompliziert ist, passiert beim beobachterabhängigen Realismus nicht. Die Beschreibung im Rahmen der "beobachterabhängigen Realität" ist, aufgrund unserer Konstruktion, genauso kompliziert wie die Ausgangsbeschreibung als statistische Beschreibung der Messwerte. Eine Änderung unserer Einschätzung, welche Theorie einfacher ist, wird sich also aus einer methodologischen Forderung des beobachterabhängigen Realismus nicht ergeben.

Schlussfolgerung

Damit kommen wir zu dem Schluss, dass der beobachterabhängige Realismus keine sinnvolle Generalisierung des klassischen Realismus ist.

Oder, mit anderen Worten, eine Erklärung der beobachtbaren Fakten, (dargestellt durch eine statistische Theorie mit Verteilung ρ(y,a) dy) unter Verwendung des beobachterabhängigen Realismusbegriffs ist trivial und hat somit keinerlei Erklärungswert.