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Klassischer Realismus als Teil der wissenschaftlichen Methode

Wofür wir uns im Konflikt zwischen klassischem Realismus und Einstein-Kausalität entscheiden, ist, mangels eines Experiments, welches zwischen beiden entscheiden könnte, eine metaphysische Entscheidung. Es besteht ohne Zweifel die Möglichkeit, sich gegen den Realismus zu entscheiden.

Hier wollen wir ein wichtiges Argument für den Realismus vorstellen: Die Aufgabe des klassischen Realismus bedeutet die Aufgabe eines wichtigen, zentralen Bestandteils der wissenschaftlichen Methode selbst — der Suche nach realistischen Erklärungen für das, was wir beobachten.

Poppers Argument gegen die "dialektische Anerkennung von Widersprüchen"

Um die Logik dieser Begründung zu verstehen, lohnt es, sich an die Poppersche Argumentation gegen die Hegelsche Dialektik zu erinnern. Popper interpretiert Hegels Dialektik als eine Modifizierung der Logik, insbesondere als Ablehnung des Grundsatzes, dass Widersprüche verboten sind, und ihre Ersetzung durch das Konzept, dass Widersprüche fruchtbar und notwendig sind.

Seine Argumentation gegen diese Modifizierung der klassischen Logik besteht nun keinesfalls darin, dass er behauptet, man könne das Verbot von Widersprüchen in irgendeiner Weise experimentell beweisen oder widerlegen. Die Situation ist somit gut vergleichbar mit unserer Situation. Im Prinzip ist es sogar ein Spezialfall unserer Situation, da die klassische Logik samt ihrem Verbot von Widersprüchen Teil des klassischen Realismus ist.

Poppers Argument gegen die "dialektische" Zulassung von Widersprüchen ist methodologischer Art:

"The acceptance of contradictions must lead [] to the end of criticism, and thus to the collapse of science. [] what may be called the fertility of the contradictions is [] merely the result of our decision not to put with them (an attitude which accords with the law of contradiction). And it is dangerous, because to say that the contradictions need not be avoided, or perhaps even that they cannot be avoided, must lead to the breakdown of science, and of criticism, i.e. of rationality.
Conjectures and refutations, p.322

Es geht also weniger darum, ob wir irgendwie beweisen können, dass es keine Widersprüche gäbe, sondern darum, dass die Nichtakzeptanz von Widersprüchen Grundlage der wissenschaftlichen Methode ist. Akzeptieren wir nicht mehr das Gesetz, dass es keine Widersprüche geben darf, dann begnügen wir uns mit Theorien die widersprüchlich sind. Da diese nicht mehr als widersprüchlich kritisiert werden können, und wir auch nicht mehr nach widerspruchsfreien Theorien suchen werden (diese haben ja keinen Vorteil mehr), werden sie zum Dogma.

Die realistische Methode: Suchen nach realistischen Erklärungen für beobachtete Korrelationen

Wir schlagen hier vor, den klassischen Realismus — ähnlich wie in Poppers Argument die klassische Logik — als Bestandteil der klassischen wissenschaftlichen Methode zu verstehen. Die Grundidee ist, die Suche nach einer realistischen Erklärung für die beobachtbaren Wahrscheinlichkeitsverteilungen auch als Teil der wissenschaftlichen Methode zu interpretieren.

Wenn wir die Suche nach realistischen Erklärungen als Teil der Wissenschaft ansehen, dann stellt sich natürlich die Frage, was denn als eine solche Erklärung akzeptiert werden sollte und was nicht. Und hier bietet sich der klassische Realismus in folgender Form an:

Eine realistische Erklärung für eine beobachtbare Wahrscheinlichkeitsverteilung ist dann gefunden, wenn wir eine realistische Theorie gefunden haben.

Dies sieht dann so aus:

In dieser Form verstanden, gehört der klassische Realismus zur wissenschaftlichen Methode. In der Tat, die Suche nach Erklärungen für das, was wir beobachten, war immer Bestandteil der Wissenschaft. Sie war auch nie auf die Physik beschränkt, auch alle anderen Wissenschaften suchen ständig in der einen oder anderen Form nach Erklärungen.

Vergleichbare methodologische Interpretation der relativistischen Symmetrie

Gibt es eine vergleichbar allgemeine methodologische Interpretation für die Einstein-Kausalität?

Im Prinzip ja. Man kann durchaus — und man macht dies sogar — die relativistische Symmetrie als methodologisches Prinzip betrachten: Physikalische Theorien sind in relativistisch symmetrischer Form zu präsentieren. Nur ist dies dadurch noch keineswegs Bestandteil der wissenschaftlichen Methode selbst geworden. Sie stellt lediglich das mit dem relativistischen Paradigma verbundene Forschungsprogramm dar. Und dieses Programm ist, selbst auf dem Gebiet der relativistischen Physik, nur ein Forschungsprogramm unter vielen anderen, auch wenn es das führende Forschungsprogramm ist.

Im Vergleich dazu ist die Suche nach realistischen Erklärungen Teil der wissenschaftlichen Methode in ihrer allgemeinsten Form. Sie ist keineswegs auf die Physik beschränkt, nicht einmal auf die Naturwissenschaften: Auch in den Gesellschaftswissenschaften gehört die Suche nach Erklärungen für das, was wir beobachten, zum täglichen Handwerk.

Klassischer Realismus gegen "shut up and calculate"

Die Alternative zum klassischen Realismus in der Quantenmechanik ist die Philosophie des "shut up and calculate" (Schnauze halten und rechnen). Bei der Betrachtung dieser Philosophie wird ihre Natur des Verzichts auf einen wichtigen Teil des wissenschaftlichen Programms ziemlich deutlich. Derjenige, der dieser Methode folgt, ist aufgerufen, etwas zu unterlassen, was für jeden Wissenschaftler das Natürlichste auf der Welt ist, nämlich nach Erklärungen für die von der QM vorausgesagten Wahrscheinlichkeiten zu suchen.

Beschränkungen der eigenen Forschung auf einige wenige hoffnungsvolle Richtungen sind für den einzelnen Forscher eine höchst sinnvolle Sache. Die Wissenschaft hat schon immer so funktioniert, dass man dort geforscht hat, wo die größte Aussicht bestand, etwas Neues zu entdecken. Neue Beobachtungsmöglichkeiten, neue Theorien, und neue mathematische Methoden waren immer Anlass, sich auf das zu konzentrieren, was man mit diesen neuen Hilfsmitteln an Neuem herausfinden kann. Nach der Entdeckung der Quantentheorie war es somit das Natürlichste von der Welt, sich auf diese neue Theorie zu stürzen, und mit ihr die verschiedensten neuen Effekte zu berechnen.

Diese Zeit ist jedoch vorbei. Die Art und Weise, wie man mit der Quantentheorie rechnen muss, ist bereits seit langem gut ausgearbeitet. "Shut up and calculate" als Forschungsprogramm dürfte heute kaum noch sinnvoll sein. Was nach der Erschaffung der QT sinnvoll war — nämlich sich zuerst auf das zu konzentrieren, was mit den neuen Methoden erreichbar ist — wirkt heute kontraproduktiv, als Denkverbot.

Schlussfolgerung

Die Entscheidung für oder wider den klassischen Realismus ist keine physikalische Frage. Kein Experiment kann den klassischen Realismus und seine Bestandteile (klassische Logik, klassische Wahrscheinlichkeitstheorie) widerlegen.

Die Entscheidung ist eine methodologische. Teil der klassischen wissenschaftlichen Methode ist die Suche nach Erklärungen für die beobachteten Phänomene. Der klassische Realismus definiert lediglich, was die Phrase "realistische Erklärung" bedeutet: Wenn wir nach realistischen Erklärungen suchen, heisst dies nichts anderes als dass wir nach klassisch-realistischen Theorien suchen.

Die Aufgabe des klassischen Realismus bedeutet somit nichts anderes als die Aufgabe eines wichtigen Teils der wissenschaftlichen Methode — der Suche nach Erklärungen. Dies bedeutet die Aufgabe eines wichtigen Teils der Wissenschaft überhaupt, nicht nur der Physik. Selbst die Gesellschaftswissenschaften sind mit der Suche nach Erklärungen beschäftigt.

Die Aufgabe der Einstein-Kausalität hat hingegen keinerlei Auswirkungen auf die wissenschaftliche Methode im Allgemeinen.

Das "shut up" aus der "shut up and calculate"-Interpretation der Quantentheorie hatte seinerzeit, als die Quantentheorie gerade erst entdeckt worden war, ihren Wert als Forschungsprogramm, diente der Konzentration des Forschungspotentials auf das kurzfristig Erreichbare. Als solches ist es veraltet. Seine Aufrechterhaltung spielt heute die Rolle eines Denkverbots, welches die Suche nach Erklärungen für die Voraussagen der Quantentheorie verbietet.

In diesem Sinne möchte ich den heutigen Physikern zurufen: Don't shut up anymore!.