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Reputationsbasierte Gesellschaft

Viele haben Angst dass die Revolution in der Informationstechnolgie zu einem Orwellschen Polizeistaat führt. Ich sehe eine Alternative – eine Alternative, die sogar zu deutlich weniger Staat führt, oder den Staat in seiner heutigen Form möglicherweise völlig überflüssig macht.

Die Grundidee für ein globales Reputationssystem

Eine Gesellschaft, in der ein Reputationssystem vorhanden ist, welches so gut funktioniert, dass Vertragsbrüche unwesentliche Ausnahmen sind, nennen wir reputationsbasierte Gesellschaft.

Entstehung eines globalen Reputationssystems

Das Problem bisheriger Reputationssysteme war, dass sie auf recht kleine Gruppen beschränkt sein musste, damit sich jeder über die Reputation eines jeden anderen informieren konnte. Wurde die Menge der beteiligten Menschen zu groß, mussten andere Systeme erfunden werden, um Vertragseinhaltung zu garantieren. Ein System, welches nicht daran scheitert, dass zu viele Leute daran teilnehmen, ist das staatliche System der Vertragsdurchsetzung durch Polizei und staatliche Gerichte.

These 1.1: Wo sie existieren, bieten Reputationssysteme klare Vorteile vor staatlichen Systemen und werden von den Beteiligten vorgezogen, und weiten sich soweit aus, wie es für sie technisch möglich ist.

These 1.2: Wo sie möglich sind, werden sie mit der Zeit auch aufgebaut.

These 1.3: Das oben beschriebene Reputationssystem hat keine Beschränkung für die Teilnehmerzahl mehr.

Aus diesen drei Thesen folgt, zusammenfassend:

These 1: Es wird ein globales Reputationssystem entstehen.

Folgen der Konkurrenz verschiedener Reputationssysteme

Die Etablierung des globalen Reputationssystems erfolgt als Ergebnis eines Konkurrenzkampfes verschiedener Kandidaten. Diesen Konkurrenzkampf kann nur ein System gewinnen, welches alle Möglichkeiten von Vertragsabschlüssen unterstützt, die für nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung und für diese Teile nicht unwichtige Arten von Verträgen wichtig sind.

These 2: Das globale Reputationssystem wird maximale Vertragsfreiheit geben.

Bürgschaften

Das Reputationssystem könnte ergänzt werden durch Bürgschaften. Mit einer Bürgschaft verpflichtet sich der Bürge, bei einem Vertragsbruch, der eine Strafzahlung nach sich zieht, die Strafe bis zu einer bestimmten Höhe zu übernehmen. Die Nichtzahlung wäre in diesem Fall ein Vertragsbruch durch den Bürgen, und hätte seinerseits einen Eintrag in die schwarze Liste für den Bürgen zur Folge.

Bürgschaften könnten auf breiter Basis dadurch entstehen, dass Vertragspartner nach erfolgreicher Realisierung des Vertrages sich sich gegenseitig eine Bürgschaft in Größenordnung eines Teils des erreichten Profits geben.

Bürgschaften würden das Reputationssystem, welches mit der schwarzen Liste lediglich rein negative Reputation bereitstellt, durch positive Reputation ergänzen. Dies ist eine wichtige und nützliche Funktion, und daher wird das siegreiche Reputationssystem Bürgschaften sicherlich ermöglichen.

These 2.1: Das Reputationssystem wird Bürgschaften ermöglichen.

Pseudonyme und Organisationen

Für das Funktionieren der schwarzen Liste ist es erforderlich, dass eine Person, die auf der schwarzen Liste steht, nicht unter anderem Namen unerkannt weiter teilnehmen kann. Die einfachste Lösung ist, das man nur unter seinem Realnamen am System teilnehmen kann.

Trotzdem muss der Realname eines Teilnehmers nicht für jedermann sichtbar sein. Es reicht, wenn gewährleistet wird, dass bei einem Vertragsbruch der Realname aufgedeckt und sowohl der Realname als auch alle Pseudonyme des Vertragsbrechers automatisch in die schwarze Liste eingetragen werden.

Auch Organisationen kommen als Teilnehmer des Systems in Betracht. Als Startkapital für die Reputation können Bürgschaften der Gründer verwendet werden. Durch erfolgreiche Marktteilnahme könnten weitere Bürgschaften erworben und die Reputation dadurch vergrößert werden.

These 2.2: Das Reputationssystem wird Pseudonyme und Organisationen als Teilnehmer ermöglichen.

Maximaler Schutz der Privatsphäre durch das Reputationssystem

Das Reputationssystem wird nur die Informationen öffentlich sichtbar machen, die für das Funktionieren des Systems notwendig sind. Alle anderen Informationen bleiben soweit es praktisch möglich ist privat.

Insbesondere bleiben die Inhalte erfolgreich realisierter Verträge geheim. Bei Vertragsstreitigkeiten muss lediglich der Schiedsrichter die Details erfahren, das Verfahren selbst kann geheim bleiben. Für die Einträge in der schwarzen Liste ist lediglich die Strafe selbst erforderlich, sowie die Tatsache, dass sie nicht durchgesetzt wurde.

These 2.3: Das Reputationssystem wird die Privatsphäre der Teilnehmer auf die maximal mögliche Art schützen.

Die Konkurrenz zwischen dem Staat und dem Reputationssystem

These 3: Wenn ein globales Reputationssystem einmal etabliert ist, übernimmt es die Aufgabe der Durchsetzung der Einhaltung von Verträgen vollständig. Dies verringert die Besteuerungs- und Kontrollmöglichkeiten des Staates erheblich.

These 3.1: Die Vertragsfreiheit im Rahmen des Reputationssystems garantiert faktische Vertragsfreiheit. Das liegt daran, dass die Verträge im Reputationssystem viel besser durchgesetzt werden können, und daher sich auch im Streitfall keiner der Beteiligten mehr an staatliche Gerichte wenden wird. Dies wird, soweit nicht selbstverständlich, auch Teil der Verträge selbst sein, so dass jemand, der im Streit auf das staatliche System zurückgreift, dadurch zum Vertragsbrecher wird. Wenn der Staat jedoch von Verträgen nichts weiß, kann er sie auch nicht verhindern oder bestrafen.

These 3.2: Der Staat verliert den Zugang zur Information über die reale Vertragsgestaltung. Dies bedeutet insbesondere die Entstehung eines pseudonymen Banksystems, über dessen Zahlungen der Staat keinerlei Kontrolle mehr hat.

These 3.3: Die verbleibenden Kontrollmöglichkeiten des Staates beschränken sich auf physische Gegebenheiten.

These 3.4: Der Staat kann nur noch physische Fakten besteuern: Steuern für Besitz von Gegenständen oder Land, für den Aufenthalt an bestimmten Orten (wie in einer Fabrik, was als Beweis für ein Arbeitsverhältnis dienen und dann wie ein Arbeitseinkommen nach Minimallohn besteuert werden kann), Konsumsteuern. Da sowohl der reale Wert wie auch der reale Eigentümer von Gütern unbekannt sind, und zu hohe Pauschalen wirtschaftlich fatal wären, kann faktisch nur minimal und proportional besteuert werden.

Der Staat verliert somit einen erheblichen Teil seiner Informationsquellen, seiner Besteuerungsmöglichkeiten, sowie mit dem Geldmonopol die Einnahmen durch Gelddrucken.

These 3.5: Durch ein pseudonymes Banksystem in Kombination mit der Vertragsfreiheit wird die Korruption erheblich zunehmen, was zu einer weiteren Schwächung des Staates führt. Dem kann der Staat jedoch durch eigene Beteiligung am Reputationssystem - so dass korrupte Staatsbeamte zu Vertragsbrechern werden - entgegenwirken.

Auswirkungen auf die Moral

Das Reputationssystem wird Auswirkungen auf die Moral haben. Für den Einzelnen wird es deutlich wichtiger, sein Wort zu halten, und somit nicht auf die schwarze Liste der Vertragsbrecher zu geraten, als staatlichen Gesetzen zu gehorchen. Auch für die Beurteilung anderer Menschen wird es wichtiger werden, ob derjenige auf der schwarzen Liste der Vertragsbrecher steht, als ob er schon gegen staatliche Gesetze verstoßen hat. Diese Interessenslage wird auch die Moral verändern, und den moralischen Wert des eigenen Wortes erheblich vergrößern.

Faktisch wird man Wortbrecher so verachten wie Kriminelle heute, während man Kriminellen, die ihr Wort halten, eher den moralischen Status eines politischen Gefangenen zubilligen wird. Schließlich haben sie niemandem ihr Wort gegeben, dass sie die staatlichen Gesetze, gegen die sie verstoßen haben, einhalten werden - dies sind daher nur Gesetze, die sie politisch nicht anerkennen.

Allgemeine Konventionen als Ersatz für allgemeine Gesetze

Dieser Veränderung der Moral wird man dadurch entgegenwirken, dass man die Menschen davon überzeugt, allgemeine Moralkonventionen öffentlich anzuerkennen. Dies kann Teil des Reputationsnetzwerks sein - das einseitige Versprechen, die Moralkonvention einzuhalten, entspricht einem Beitritt zu einer Organisation, deren Statut man anerkennt. Dies kann einem auch konkrete Vorteile bringen - insbesondere wenn einige der Einschränkungen, zu denen man sich durch Unterzeichnung der Konvention verpflichtet, nur denjenigen gegenüber gelten, die dieselbe Konvention auch anerkennen. Allerdings werden auch Moralkonventionen, die keine solchen offensichtlichen Vorteile bringen, von vielen Menschen unterzeichnet werden, weil sie den eigenen Status als ein an moralische Prinzipien gebundener Mensch erhöhen.

Mit der Etablierung solcher Konventionen als Grundlage des Handelns entsteht natürlich auch ein moralischer Druck auf diejenigen, die diese Konventionen nicht unterzeichnen wollen. Dieser Druck kann durchaus erheblich sein. Da öffentlich bekannt ist, ob man eine solche öffentliche Konvention unterzeichnet hat oder nicht, können andere Menschen sich beispielsweise weigern, mit Leuten, die ihrer Überzeugung nach minimale Konventionen nicht unterzeichnen, auch nur irgendwelche Verträge abzuschließen.

Die Folge eines solchen Drucks wird sein, dass diejenigen, die gewisse Konventionen nicht zu unterzeichnen bereit sind, nur noch untereinander oder nur mit wenigen in dieser Frage neutralen Menschen zusammenarbeiten können. Dies wird bei genügend starkem Druck auch zu einer örtlichen Separation solcher Gemeinschaften führen. Diejenigen, denen die Konventionen wichtig sind, werden dadurch auch örtlich getrennt von denjenigen, die nicht bereit sind, diese anzuerkennen.

Mit der Dublizierung der allgemeinen Gesetze durch allgemeine Konventionen wird sich die moralische Unterscheidung zwischen verachteten Wortbrechern (die gegen selbst unterzeichnete Konventionen verstoßen haben) und politischen Gefangenen (die nur gegen von ihnen nicht akzeptierte Gesetze verstoßen haben) noch einmal verschärft. Die Folge wird sein, dass dieser Unterschied zumindest in Demokratien auch in den Strafhöhen seinen Niederschlag finden wird.

Die örtliche Separation der Nichtunterzeichner wird dazu führen, dass die öffentliche Unterstützung für eine Strafverfolgung der Nichtunterzeichner in deren Wohngebieten völlig fehlt. Versuche der Polizei, dies trotzdem durchzusetzen, werden auf zunehmenden Widerstand stoßen, und in der Tendenz zum Erliegen kommen.

Zunehmender Separatismus

Die zunehmende Nichtdurchsetzbarkeit allgemeiner Gesetze gegen Nichtunterzeichner der entsprechenden Konventionen in deren Wohngebieten kann von denen, die an der Durchsetzung interessiert sind, auf einfache Weise dadurch konterkariert werden, dass das Betreten der Wohngebiete der Unterzeichner nur noch denen erlaubt wird, die die Einhaltung der Konvention in diesen Wohngebieten versprechen. Faktisch wird das relevante Wohngebiet in dieser Hinsicht zu einem Kleinstaat, auf dessen Territorium das fragliche allgemeine Gesetz genauso gültig ist wie in einem heutigen Staat. Allerdings ist die Einhaltung dieses Gesetzes nun deutlich besser garantiert - nicht nur durch die staatliche Abschreckung, sondern durch die freiwillige Anerkennung des Gesetzes durch alle Besucher, so dass der Gesetzesbrecher auch zum Wortbrecher wird, und außerdem dadurch, dass all diejenigen, die das Gesetz nicht anerkennen, dieses Gebiet gar nicht erst besuchen, geschweige denn dort leben werden.

Solche abgegrenzten Wohngebiete mit separater Gesetzgebung können rechtlich gesehen unproblematisch entstehen, die zusätzlichen Gesetze unterzeichnet der Besucher, und erst recht der dort Lebende, in Form einer Hausordnung.

Libertärer Charakter der daraus resultierenden Gesellschaft

Wir haben damit einerseits eine Gesellschaft mit faktisch völliger Vertragsfreiheit. Weiterhin haben wir weitgehenden Separatismus, bis hin zu faktischen Kleinststaaten, deren allgemeine Gesetze von der gesamten Wohnbevölkerung freiwillig unterzeichnet wurden. Eine solche Gesellschaft ist faktisch von einer anarchokapitalistischen Gesellschaft nicht mehr unterscheidbar.

Der evolutionäre Charakter der Transformation

Alles was hier an Veränderung beschrieben wird, findet auf evolutionärer Grundlage statt. Zuerst wird ein funktionierendes Reputationssystem geschaffen. Die Teilnahme ist freiwillig. Die Vorteile der Teilnahme sind klar genug, die Teilnehmerzahl wächst daher. Erst wenn faktisch die gesamte Bevölkerung teilnimmt - freiwillig, wohlgemerkt - finden weitere Veränderungen statt. Auch die Veränderungen der Moral sind freiwillig, genau wie der Übergang von allgemeinen Gesetzen zu allgemeinen Konventionen, und die darauf basierende Separation von Wohngebieten auf der Basis der Akzeptanz verschiedener allgemeiner Konventionen.

Auch die Schwächung des Staates hat allmählichen, evolutionären Charakter: Die Steuereinnahmen brechen nicht von einem Tag auf den anderen weg, sondern reduzieren sich allmählich, das Geldmonopol verliert allmählich seine Macht, Gesetze, die keiner mehr beachtet, weil niemand mehr ihre Verletzung anzeigt, verlieren allmählich ihre Macht.

Alle Teilnehmer profitieren von dem, was sie tun. Die Einhaltung von Verträgen verbessert sich deutlich, durch die Separation werden potentielle Konflikte von Anhängern verschiedener Rechtssysteme verringert.